AM BULLYPUNKT: Vienna Capitals sind anders

Wenn für die Hauptstadt gilt „Wien ist anders“, so hat das auch für das Wiener Eishockey vollinhaltliche Gültigkeit. Nach dem recht rasanten Absturz der Vienna Capitals von Platz 1 auf den aktuell sechsten Rang rappelte es im Eissportzentrum Kagran. Wo man hinsah, lauter verärgerte Gesichter. Das lag weit weniger an den Niederlagen des Teams, sondern vielmehr am Zustandekommen derselben. Ohne Herz, ohne Feuer und ohne „Passion“ ließen sich die Wiener von den Schlusslichtern der Liga und vor eigenem Publikum regelrecht hinrichten.
Auch Tom Pokel’s Wutrede nach dem Debakel gegen Innsbruck zeigte nur für ein Spiel gegen nicht voll besetzte Salzburger Wirkung.
Diese Wutrede, so erfrischend ehrlich sie auch war, leitete vermutlich Pokels Absetzung ein.
Letzten Freitag wurde dann die „einvernehmliche Vertragsauflösung“ öffentlich, und schon am Montag präsentierten die Wiener einen alten neuen Trainer.
Mit Jim Boni kehrt „der Coach“ an die Donau zurück, der die Vienna Capitals 2005 zur Meisterschaft inklusive einer denkwürdigen Finalserie führte. Sein Vertrag läuft vorerst nur bis zum Saisonende. Doch mit der Installation einer „Trainerlegende“ stellen sich auch viele Fragen.
Da die Vienna Capitals nicht dafür bekannt sind, ein Hort der offenen und vor allem ehrlichen Kommunikation zu sein, muss man über diese Fragen spekulieren.

Pokels Burnout?

Als am Freitag die Trennung bekannt wurde, überraschte das beinahe die gesamte heimische Eishockeywelt. Von heute auf morgen, war der Chefcoach ohne Warnhinweise weg vom Kagraner Fenster. In der offiziellen Pressemitteilung des Vereins war von einem Burnout zu lesen. Einer psychologischen Störung die auf Überbeanspruchung beruht.
Überraschend war das plötzliche Auftreten des Burnouts, welches völlig atypisch verlaufen wäre, da Burnout eigentlich einen schleichenden Verlauf nimmt.

Da ist etwas im Busch?

Vor etwa zwei Wochen präsentierte sich den Fans ein gar seltsames Bild. Da ward ein Banner gen Hallendoch gezogen, in Erinnerung an die ruhmreiche Zeit wo Wien die glorreichste aller Eishockeyschlachten geschlagen hat und sich zum Meister der Alpenrepublik erhob.

Kurzum, mit zehnjähriger Verspätung und unter Ausschluß der Öffentlichkeit wurde in einer Nach- und Nebelaktion ein Meisterwimpel unter der Hallendach gehängt. Das wäre eigentlich nicht all zu spannend, bestenfalls fragwürdig, doch in Nachbetrachtung der Ereignisse mutet es seltsam an, wenn ausgerechnet jetzt einer Eishockeytradition nachgekommen wird. Als Verschwörungstheoretiker würde man dies sofort als Zeichen deuten, dass bereits zu diesem Zeitpunkt mit Jim Boni Kontakt aufgenommen wurde. Also noch bevor Tom Pokel ein akuter Anfall an Burnout überkam.

Geschwindigkeitsrekord?

Manchmal kann es ganz schnell gehen. Meist aber nicht! Ersteres trifft häufig dann zu, wenn dem Wunschkanditaten keine großen Konzessionen und ihm jede Menge Zugeständnisse gemacht werden. Dennoch ist der zeitliche Abstand zwischen der Trennung von Pokel und der Vorstellung von Jim Boni als neuer Trainer rekordverdächtig.
Es ist sehr schwer nachzuvollziehen, wie die Verpflichtung binnen 48 Stunden zustandegekommen sein soll. Glaubt man dem Manager Kalla, habe Boni erst gar nicht verhandelt sondern hat vor dem Hilferuf der Wiener bedingungslos kapituliert. Das mag für den Italokanadier sprechen, aber ganz ohne seine Gehaltvorstellungen kund zu tun, wird es dann doch nicht abgelaufen sein. Immerhin müssen auch Trainer hin und wieder Energie in Form von fester Nahrung zu sich nehmen.

Ob das Engagement Bonis wirklich ohne Vorlaufzeit zwischen Freitag und Sonntag und Dach und Fach gebracht wurde, ist eher zweifelhaft.

Fazit:

Wien ist anders. Wiener Eishockey sowieso! Worunter die Capitals leiden, trat nicht erst dieses Jahr in Erscheinung. Es ist lediglich die logische Forführung einer Tendenz die sich schon seit einigen Jahren durch die Bilanz der Vienna Capitals zieht. Nach fulminanten Beginn folgt der stete Abstieg. Wie unter Gaudet laufend an Salzburg zu scheitern, ist kein Beinbruch. Im Finale vom KAC vom Titel weggesweept zu werden, ist zwar peinlich, aber davon geht die Welt auch nicht unter.
Mit einer Panikreaktion wie einem Trainerwechsel ist es nicht getan. Vielmehr besteht das Problem an der Führung des Teams und wie es die Kader zustande kommen lässt. Die Formulierung „zustande kommen lässt“ ist dabei sogfältig gewählt. Blickt man in die jüngere Vergangenheit zeichneten sich die Wiener nicht gerade durch personaltechnische Kontinuität aus. Im aktuellen Kader sind 12 Legionäre aufgelistet. Davon sind lediglich Ferland (4. Jahr) , Fraser , Zaba (jeweils 3. Jahr) und der kalt gestellte Gratton (7. Jahr) länger als zwei Jahre im Team. Zudem verpasste man Gelegenheiten ansprechende heimische Spieler zu verpflichten, wie etwa Komarek oder Setzinger. Auch sonst hat man manchmal das Gefühl, die Wiener wären zumindest die ersten an der Restplatzbörse gewesen. Sobald jedoch die Saison begonnen hat, sind unüberlegte Schnellschüsse an der Tagesordnung. Ein Beispiel war Dechamps, der es gerade mal auf zehn Spiele im Dress der Caps brachte.

Das Problem der Capitals sitzt also in der Struktur und in der Philosophie des Vereins, und nicht bei den Trainern. Immerhin ist Boni nach Samuelsson und Pokel der dritte Meistertrainer en suite, den die Wiener unter Vetrag genommen hatten.
So sehr Jim Boni’s Rückkehr an die Stätte seines größten Erfolges bejubelt werden darf, so sehr läuft der „Feuerwehrmann“ der Capitals Gefahr sein Ansehen in Wien nachhaltig zu schädigen. Es ist nämlich nicht sehr wahrscheinlich, dass er einerseits das Team aus seiner Lethargie reißen und andererseits den Verein in Richtung Nachhaltigkeit dirigieren kann.