Von Bären und Drachen

Ankündigungen über Kooperationen und Expansionspläne der KHL sind stets mit Vorsicht zu genießen. Bereits 2012 verkündete die KHL stolz den Einstieg von Milano Rossoblu auf den die Italiener heute noch warten. Andererseits ging bei Medwescak Zagreb alles schnell und komplikationslos.

Seit einigen Wochen geistert jedoch eine völlig neue Idee durch die Köpfe des Ligamanagements. Statt Expansion in den Westen, ist derzeit der Osten im Visier der Russen. Konkret handelt es um eine Zusammenarbeit mit dem Eishockyverband Chinas und einen späteren Einstieg eines chinesischen Teams.

Hintergrund des chinesischen Interesses sind die Olympischen Spiele 2022 in Peking, bei dem das Regime alle Hebeln in Bewegung setzt um ein Nationalteam aus dem Boden zu stampfen, welches zumindest konkurrenzfähig ist. Wie schon bei den Sommerspielen, wo China mit 51x Gold, 21x Silber und 28x Bronze zum großen Abräumer avancierte, möchte das Reich der Mitte auch bei den Winterspielen im Medaillenspiegel weit oben zu finden sein.

Deswegen wandte sich das chinesische Sportministerium und der Eishockeyverband vertrauensvoll an seine russichen Freunde, mit der Bitte um fachliche Unterstützung.

Letzte Woche trafen dazu KHL Vorstandsvorsitzender Gennady Timchenko und der Vizepräsident der russischen Eishockeyverbandes (FHR) Roman Rotenberg mit den chinesischen Vetretern zusammen. Dabei ging es um Nachilfe im Bereich der Nachwuchsarbeit, Hebung des Hockey-Know-Hows und letztlich auch um die Einrichtung chinesischer Profivereine und einer entsprechenden Liga. Am Ende soll auch der Einstieg eines chinesischen Teams in die KHL stehen. Ob dieses dann in Peking oder Shanghai angesiedelt wird, muss die Zukunft zeigen.

Soweit das Bekannte über die neue Liebe zwischen den beiden Mächten. Doch wie kommt es zu den überraschenden Techtelmechtel?

In Anbetracht der nahenden Winterspiele ist die Annäherung des Roten Drachen nicht sonderlich überraschend. Russlands Erfahrungen aus den erfolgreichen Roten Armee Zeiten können in einem Regime wie in China bedenkenlos umgesetzt werden. Scouting der talentiertesten Kinder, Kasernierung in Trainingslager über Monate hinweg und die Teilnahme an russischen Nachwuchligen wären problemlos umsetzbar. Auch der Einsatz entsprechender Mittel dürfte wohl kein Problem darstellen, wenngleich es reichlich spät ist ein schlagkräftiges Team für die Winterspiele zu formen. In sieben Jahren ein schlagkräftiges Team aus dem Nichts zu formen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Selbst die Sowjetunion benötigte trotz totalem Mensch- und Materialeinsatz und einer eigenen Spielphilosophie 9 Jahre um erfolgreich zu sein. Als die Sowjets 1954 beim ersten Antreten gleich den Titel holten, profitierten sich noch von den Bandyspielern in ihren Reihen. Zur dominanten Macht wurden sie erst 1963 nach dem Titelgewinn in Stockholm.Da war Eishockey aber nicht annähernd so professionalisiert wie im Jahr 2015.

Dass dieses Unterfangen in sieben Jahren nicht zu machen ist, wissen auch die Russen, womit sich die Frage der Motivation stellt. Sportliche Hilfsbereithschaft dürfte hier eine untergeordnete Rolle spielen.
Eishockey war bereits in der Sowjetunion auch immer ein politisches Werkezug. Ob man nun die Überlegenheit des kommunistischen Systems beweisen oder den Klassenfeind einfach nur demütigen wollte. Eishockey war im KP-System nie nur der Sport an sich. So muss man auch heute annehmen, dass die Unterstützung mehr der Politik als der Entwicklung des Sports dient.
Mit diesem Zeichen des guten Willens, legt Russland den Grundstein für weitere Kooperationen, auch in geopolitischen, strategischen und wirtschaftlichen Belangen Das Schöen daran: Für die KHL und dem russischen Verband (FHR) ist dabei nichts zu verlieren. Im Idealfall hat man um viel chinesischen Geld einen neuen Markt erschlossen. Schlimmstenfalls steht hinter den russischen Bemühungen auf der Soll- wie auch auf der Haben-Seite eine satte null.

Ob 2022 tatsächlich ein chinesisches Profteam in der KHL vertreten sein wird und ob Eishockey auch nach den Olympischen Spielen noch die Aufmerksamkeit der chinesischen Führung geniest, bleibt ein großes Fragezeichen. Verliert die Partei den Spaß daran, war die Meldung über ein Profiteam aus China wohl wieder einmal sehr voreilig.

Wie war das in noch mal mit Mailand?


Bild: © Flickr/ James_Walker

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